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Rede auf “Reclaim the Streets” demo in Fürth

Oktober 22, 2011

Am 14.10.2011 rief die Jugendantifa Fürth zu einer “Reclaim the Streets” Tanzdemo in Fürth auf.

“Die momentan herrschenden Verhältnisse strafen alles mit gedanklichem Einheitsbrei. Der Unterschied hat sich beinahe global verflüchtigt. Er musste sich zusammen mit den Ansätzen gesamtgesellschaftlicher Alternativen, geschlagen von der Geschichte, an die Ränder dieser Gesellschaft verdrücken. Um mit ansehen zu müssen wie diese, euphorisiert vom Gedanken ewigen Fortschritts, auch noch die verheerendsten ökonomischen und sozialen Krisen als Naturkatastrophen bekämpfen möchte. Mit den Sandsäcken staatlicher Hilflosigkeit will man die Fluten abhalten, nur damit sie an anderer Stelle mit noch größerer Gewalt das gerade wieder schlecht zusammen gezimmerte Haus auseinander reisen.

Einer der Schauplätze dieses Krisentaumels wird heute hier thematisiert. Es ist das Geschäft mit den Immobilien. Also einer der Bereiche, die einem wunderbar auch visuell vor Augen halten, welch ein Wahnsinn diesem Gesellschaftssystem innewohnt. In Spanien muss eine ganze Generation bis weit ins Erwachsenenalter hinein bei den Eltern leben, da die Mieten unbezahlbar sind, in Israel hat sich um dieses Thema herum eine der größten sozialen Bewegungen der Staatsgeschichte formiert und überall schießen trotzdem weiterhin Immobilien, ja ganze Städte aus dem Boden, die nicht als Wohnraum sondern als Geldanlage dienen und demnach leer stehend ihr Dasein fristen. Als wären Mieten nicht schon Frechheit genug.

Doch wir wollen uns heute einem anderen Aspekt kapitalistischer Idiotie widmen. Wir wollen der Frage nachgehen, warum sich der Unterschied verflüchtigt hat, wo er denn hin ist und warum wir die Politik kultureller Freiräume betreiben und diese für essentiell befinden. Der Bereich des sogenannten Lebens, des Nicht-Arbeitens ist in einem Maße normiert und präformiert, wie es früher nur die Fabrik von sich behaupten konnte. Der Freizeitmensch ist zum gestressten Produzenten des Konsums geworden oder war es vielleicht schon immer. Was einem als Freizeit, ja als Freiheit verkauft wird ist nichts anderes als die standardisierte Produktpalette der Lebensentwürfe.
Die Gesellschaft ist überall, noch in die intimsten Poren der Individuen ist sie vorgedrungen. Die globale wochenendliche Freude von Millionen an Jugendlichen findet überall ihren gleichen Ausdruck: sie bejubelt in den Diskountern der Vergnügung die Langeweile des 21. Jahrhunderts. Der Körper urbaner Individualität passt sich dem Tragen des neusten Smartphonemodells an. Unterschied bleibt dort übrig, wo er zur Ware wird, dort wo er letztendlich eliminiert wird. Mit diesem auch das Verlangen nach einer anderen Gesellschaftsordnung. Von einer eigenständigen Kultur zu sprechen wäre irreführend, was herrscht ist vielmehr die Kultur der Warenwirtschaft.

Wir als selbst verwaltetes Jugend- und Kulturzentrum sehen uns in diesem Zusammenhang als ein Versuch in Ordnung zu bringen, was wohl nicht mehr in Ordnung zu bringen ist. Wir wollen im Rahmen unserer Möglichkeiten versuchen der Herrschaft warenformiger Verblödung eine Alternative entgegen zuhalten und der Vereinzelung des Konsumentenschicksals nach wie vor mit solidarischem Miteinander zu begegnen.Auch wenn Solidarität im Moment als uncool verschrieen ist. Wir wollen junge Menschen dazu animieren aus der ewigen Passivität aus zu treten. Wir wollen, dass sie ihre Freizeitgestaltung selbst in die Hand nehmen, damit sie eigenständige Bedürfnisse entwickeln und diese jenseits des Möglichen erfüllt zu sehen. Wir wollen die Antidisko, auch wenn sich Elemente selbiger wohl nicht vermeiden lassen. Wir sind uns schließlich der Macht dieser Gesellschaft und ihrer Kultur bewusst. Doch sich dem unerträglichen Angebot der Lebensbilder, den Pseudoemotionen und der musikalischen Fließbandproduktion hinzugeben wäre in keiner Weise eine Alternative. Dann doch lieber das Richtige im Falschen wagen.
Wir wollen kritisieren, was nicht mehr kritisiert wird: das kapitalistische Gesellschaftssystem, ja auch die freiheitlich, demokratische Grundordnung kritisieren wir. Wir wollen diskutieren, was nicht mehr diskutiert wird: und zwar die Überwindung des selbigen Komplexes.

Wir wollen allen Interessierten und Verzweifelten einen Raum bieten, der sie weder mit Belanglosem straft, noch therapieren möchte. Wir wollen Alles für Alle, und von Allen.
Weder Privatkapitalismus, noch Staatskapitalismus.

Doch genug der großen Worte und der Gänsehautstimmung.Wie sich vielleicht einige von euch denken können, werden wir bei diesem großen Vorhaben kaum unterstützt. Ganz im Gegenteil, uns wird ein Stein nach dem anderen in den Weg gelegt. Von städtisch verordnetem Baustopp bis zum Unwetter. Seit Anfang des Jahres warten wir nun schon auf die Eröffnung unseres Zentrums, und wir sind immer noch heiß. Wir brauchen eure Unterstützung. Werdet Mitglied oder schaut auf unsere Homepage. Das würde schon reichen. Und wenn wir erst einmal geöffnet haben, dann brechen in Nürnberg sowieso neue Zeiten an. Dann werdet ihr uns um Eintritt anflehen. Also wartet auf Ankündigungen!!!

Lasst uns gemeinsam dieser Zeit und dem ihr zugrunde liegenden Gesellschaftsmodell zumindest einen geringen Widerstand entgegensetzen, das solidarische Miteinander reanimieren und Selbstständigkeit und Selbstverwaltung verbreiten! Lasst uns nicht resignieren, die Aufhebung der schlechten, falschen Freiheit ist möglich, so wie es eine Zeit vor dem Kapitalismus gab wird es auch eine nach ihm geben. Nur ohne Könige und feudales Elend.
Für die befreite Gesellschaft und für kleine Zellen der politischen und kulturellen Verneinung! In diesem Sinne: Squat the World!”

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